Waldkindergarten und Waldschule auch in der Schweiz möglich!
Lernen im Grünen: Mit Naturmaterial basteln und nach Herzenslust rumrennen – das können Kinder im Wald bestens. Und neuerdings auch das Einmaleins lernen.

Aus dem Migros-Magazin vom 23.06.08:Die 16 Kinder im Bus von Baden
AG auf die Baldegg tragen Wanderschuhe, Rucksäcke und Langarm-T-Shirts.
Die Hosenbeine haben sie in die Socken gestopft, wegen der Zecken. Die
Gruppe ist unterwegs zu ihrem Klassenzimmer, dem Wald. Ob Regen, Schnee
oder Sonnenschein: Die Kinder vom Waldkindergarten sind an jedem
Schultag im Badener Wald anzutreffen. Als Basis dient das «Waldsofa»,
ein mit Ästen gebautes Rondell, das von einer Plastikplane überdacht
ist. Auf dem Weg zum «Waldsofa» sammeln die Kinder am Wiesenrand
Material für die heutigen Lektionen: Löwenzahn, Gänseblümchen,
Butterblumen. «Wir bauen eine Wasserleitung, legen Blumen-Sudokus und
basteln Zauberblumen», erklärt Kindergärtnerin Sibylle Egloff (37).
Nach einer naturpädagogischen Zusatzausbildung unterrichtet sie das
vierte Jahr begeistert im Waldkindergarten.
Beim «Drachenloch» beginnt kurz
darauf eine Gruppe von Kindern die Wasserleitung zu bauen. Tim erklärt,
wie man die Löwenzahnstängel zusammenstecken muss: «Ein dünner, dann
ein dicker, dann ein dünner.» Jakob zieht mit einer Spritze Wasser auf
und presst es in die Löwenzahnleitung. «Es rünnt!», ruft Sandra.
Zusammen mit der Praktikantin Michelle versuchen die Kinder nun
fieberhaft, die undichten Stellen zu flicken. Ohne es zu merken,
trainieren sie dabei Feinmotorik, Geduld, Konzentration und suchen nach
kreativen Lösungen. Alle Kinder machen den ganzen Vormittag über
motiviert bei den verschiedenen Posten mit.
Neu auch eine Waldschule
«Ich arbeite sozusagen im
Teamteaching mit dem Wald», sagt die Kindergärtnerin. «Der unebene
Boden, die Jahreszeiten und das vielfältige didaktische Material aus
der Natur sind meine Partner.» Der Wald schaffe Nähe zwischen den
Kindern und fördere die Teamarbeit. Ausserdem müsse man sich hier
präzise ausdrücken, damit man zum Beispiel wisse, welcher Baum als
Treffpunkt gemeint sei.
Nach den Sommerferien wird ein
Teil dieser Kinder auch den ersten Schultag im Wald erleben. Denn der
Waldkindergarten wird ausgebaut zur «Basisstufe vier bis acht». Damit
nimmt der private Trägerverein NaturSpielWald die im Kanton Aargau (und
anderen Kantonen) geplante Verschmelzung von Kindergarten mit der
ersten und zweiten Klasse zur Basisstufe vorweg. Verena Speiser (49),
Präsidentin von NaturSpielWald, sagt: «Das hat sich über die Jahre
hinweg so ergeben. Zuerst waren die Waldspielgruppen, daraus entstand
der Kindergarten und jetzt eben die Basisstufe.»
Die
Erfahrungen waren so gut, dass viele Eltern sich wünschten, ihre Kinder
auch die ersten zwei Schuljahre in den Wald zu schicken. Speiser ist
überzeugt: «Wenn ein Kind sich das Wissen aneignen kann, wie aus einem
Buchennüsschen ein Baum wird, so gelingt es ihm später auch zu lernen,
wie man einen Computer bedient.» Kindergärtnerin Egloff ergänzt:
«Gemäss meiner Erfahrung kann das kognitive Denken nicht nur auf
A4-Blättern geschult werden.» Tatsache ist: Die Kinder aus dem
Waldkindergarten haben sich bisher problemlos in die Primarschule
integriert.
Bauwagen als Schreibstube
Ohne trockenen Ort zum
Schreiben und Lesen wird auch die künftige Waldschule nicht auskommen.
Dafür ist vorläufig ein alter Bauwagen vorgesehen. Das Interesse an der
Waldschule ist gross: Kaum hatte der Erziehungsrat sie als Privatschule
anerkannt, waren die 25 Plätze ausgebucht – trotz Schulgeld. Chiara,
die jetzt das zweite Waldkindergartenjahr besucht, wird im August in
die Waldschule eintreten. Ihre Mutter Ursula Staubli, selber
Primarlehrerin, hat keine Angst, dass ihre Tochter zu wenig lernen
könnte. «Sie kennt jetzt schon mehr Pflanzen und Vögel als ich», sagt
sie. «Ich bin überzeugt, dass man sich den Lernstoff der ersten zwei
Schuljahre sehr gut im Wald aneignen kann.» Chiara sei ein
Bewegungskind und brauche die Ruhe, die der Wald ausstrahle. Das
Wichtigste aber: Chiara ist glücklich im Wald.
...und wie die Umfrage auf
www.migrosmagazin.ch zeigt, finden 85% Waldkindergärten und Waldschulen sinnvoll.